„Ich möchte diesen Planeten lebenswert hinterlassen!”

Wir unterhielten uns mit der Bloggerin Farah van Greenfulspirit.com über Veganismus, Umweltschutz und Nachhaltigkeit. Sie setzt sich mit ihrem Lebensstil für eine gerechtere und umweltfreundlichere Welt ein. Lese hier das bewegende und überzeugende Interview!

 

Liebe Farah, du betreibst einen wunderschönen und sehr überzeugenden Blog zu den Themen Veganismus und Nachhaltigkeit. Wann und warum hast du dich für einen nachhaltigen Lebensstil entschieden? Was war die größte Hürde für dich bei der Umstellung?

Danke für Dein Kompliment. Hinter dem Blog steckt auch jede Menge Arbeit. Das erste Mal bin ich im Oktober 2012 zum Veganismus gekommen. Ich litt unter vielen Nahrungsmittelunverträglichkeiten und Neurodermitis. Weil ich nicht ständig zur Cortisonsalbe greifen wollte, habe ich nach Alternativen dazu und nach Ursachen von Allergien gesucht. Da bin ich sehr schnell auf das Thema Ernährung gestoßen. Von einer omnivoren Ernährung bin ich dann sofort auf vegetarisch und zwei Wochen später dann auf vegan umgestiegen. Weil sich die Allergien sehr schnell gebessert haben (abgesehen von meiner Nussallergie), war ich davon überzeugt. Als ich in 2015 schwanger war, redeten alle um mich herum auf mich ein, dass ich doch nicht vegan bleiben könne. Es dauerte dann bis Februar 2017, bis ich wieder konsequent zum Veganismus zurückfand. In diesem Zuge bin ich auch das erste Mal mit dem Thema Zero Waste in Berührung gekommen. Aus Neugierde habe ich mich damit sehr intensiv beschäftigt und die ganzen Zusammenhänge zwischen Plastikmüll, Massentierhaltung, Umweltverschmutzung, etc pp. wurden mir klar.

Als große Umstellung habe ich keines von beiden empfunden. Der Veganismus half mir, als ich extrem unter meinen Allergien litt und meine Neugierde trieb mich in den nachhaltigen Lebensstil. Die einzige Hürde, die heute noch besteht, ist ein soziales Umfeld, das mich mit dieser Einstellung und Lebensweise als Alien ansieht. Das hält mich trotzdem nicht davon ab, weiterzumachen.

Genau wie wir, sorgst du dich um unseren Planeten. Gehst du davon aus, dass die Menschheit in der Zukunft ihr Handeln ändert, um unsere Umwelt nicht weiter zu zerstören? Was müsste sich ändern?

Im Moment befinden wir uns gerade in einer Umbruchzeit. Immer mehr Menschen gehen auf die Straße, weil ihnen eben nicht egal ist, was mit unserer Lebensgrundlage geschieht. Die Jugendbewegung “FridaysForFuture”, in der tausende Jugendliche weltweit jeden Freitag die Schule schwänzen, weil sie es nicht einsehen, etwas zu lernen, das in Zukunft totes Wissen ist, wenn unser Planet stirbt, ist nicht mehr zu übersehen. Veränderungen wurden immer von Menschen initiiert. Und Veränderungen entstehen erst durch Konflikte. Erst vor Kurzem habe ich mir den Film “Die Grüne Lüge” von Werner Boote angesehen. Da gibt es sehr schöne Stelle: “Veränderungen erschmust man sich nicht.” Wir müssen aufhören mit den Konzernen, die nur Profit wollen, auf Kuschelkurs zu bleiben. Wir in den Industrieländern müssen Privilegien abgeben, damit diese Welt eine gerechtere wird. Wir haben kein Recht auf bunte Schokoladenbonbons, die weder sättigen noch gesund sind, wenn dafür auf der anderen Seite der Welt die Regenwälder brennen, Menschen an Rauchvergiftung sterben, Tiere ausgerottet und Arbeiter auf den Plantagen ausgebeutet werden.

Es wird immer Menschen geben, die aus Faulheit, Arroganz oder aus Angst vor Veränderung die Augen davor verschließen. Doch wir sind mitten drin in einer Zeit der Veränderung.

Du schreibst sehr mitreißende Geschichten und hast das Talent diese so zu erzählen, dass sich der Leser genau in das Geschehen hineinversetzen kann. Uns hat vor allem die Schilderung der Palmölindustrie auf Borneo beeindruckt. Hast du das Ausmaß der Zerstörungen selbst gesehen oder wieso gehen dir diese so nahe?

Ich habe sie im Film “Die Grüne Lüge” das erste Mal so richtig gesehen, wusste aber bereits vorher davon. Wenn hunderte Hektar lebendiger Regenwald brennen und nichts als Asche übrig bleibt, blutet mein Herz. Und es geht hier nicht nur um den Wald. So wie die Palmölindustrie arbeitet, gleicht sie einer modernen Sklaverei. Nur wenige Konzerne, Politiker in Indonesien und das Ausland profitieren davon. Die Mehrheit der Menschen in Indonesien leiden darunter. Der Smog, der durch die Brände entsteht, führt zu Rauchgasvergiftungen und Toten. Die Monokulturen, die an Stellen gepflanzt werden, wo vorher Regenwälder standen, werden mit Pestiziden besprüht. Auf Borneo und Sumatra leben die letzten freilebenden Orang-Utans. Wenn die Waldrodungen nicht aufhören, ist diese Tierart bald ausgestorben. Und einmal ausgestorben, gibt es kein Zurück mehr. In jedem Produkt, das Palmöl oder Palmfett enthält, klebt Blut. Ich will kein Teil dieser modernen Sklaverei sein.

Du bist Veganerin und gleichzeitig Mama. Hast du dich auch in der Schwangerzeit vegan ernährt? Und wie sah es nach der Geburt deiner Tochter aus? Habt ihr euch beide durchgehend vegan ernährt? Bist du auf Schwierigkeiten gestoßen?

Wie ich oben bereits erwähnt habe, wurde ich in der Schwangerschaft 2015 von meinem Umfeld bedrängt, mich doch bitte nicht mehr vegan zu ernähren. Das schade dem Kind. Es war damals meine erste Schwangerschaft und dementsprechend unerfahren war ich. Heute weiß ich es besser. Frau kann sehr wohl vegan leben und ohne Mangelerscheinungen ein gesundes Kind bekommen. Es kommt einfach nur auf eine ausgewogene Ernährung an. Aber darauf müssen Frauen, die sich omnivor ernähren, genauso achten und kritische Stoffe wie Vitamin B12 zusätzlich supplementieren, wenn ich mir die ganzen Nahrungsergänzungspräparate ansehe, die für Schwangere kursieren. Meine Tochter habe ich ganz lange gestillt. Doch mit meinem Hardcore-Fleischesser-Mann konnte ich keine vegane Kinderernährung durchsetzen. Hier scheitert es am sozialen Umfeld. Das heißt aber nicht, dass ich es nicht immer wieder versuche. Wenn sie älter ist, wird sie meine Beweggründe besser verstehen können. Ich erzwinge es aber nicht.

Im Dezember 2018 fand das COP24-Treffen im polnischen Katowice statt. Was hältst du von der globalen Klimapolitik? Was muss sich deiner Meinung nach ändern, um den Klimawandel noch rechtzeitig abzuwenden?

Die Politiker befinden sich in einem Tiefschlaf, sind von Konzernen gesponsert oder wollen die Wahrheit nicht sehen. Nach der COP24 fand kurze Zeit später das Weltwirtschaftsforum in Davos statt. Die Herren und Frauen Politiker haben sich allesamt einfliegen lassen. Greta Thunberg, die 16-jährige Schwedin, die an der Spitze der FridaysForFuture-Bewegung steht, ist mit dem Zug angereist. Es hat mich erstaunt, dass sie dort eine Rede halten durfte. Die Reaktionen der Politiker, die die Klimakatastrophe leugnen, verwundern mich nicht. Doch Greta hat Recht: Unser Haus, die Erde steht in Flammen. Was sich ändern muss? Die Menschen müssen die absolutistischen Konzern- und Politikherrscher entmachten. Wir dürfen den Konzernen, die die Politiker kaufen und den Planeten für mehr Profit ausschlachten, kein Geld mehr geben. Wir müssen aufhören, zu glauben, was sie uns in Werbespots vorlügen und selbst die Verantwortung für unser Leben in die Hand nehmen. Uns informieren, was wirklich auf dieser Welt geschieht. Wir müssen die friedliche Revolution fortsetzen bis wir Nestlé, Unilever, Coca Cola und Co. entmachtet haben.

Was ist dein persönliches Lebensziel?

Ein festes Lebensziel, auf das ich hinarbeite, habe ich nicht wirklich. Von der Denke: “Ich arbeite für die Rente” habe ich mich schon lange verabschiedet – spätestens seitdem sich mein überfleißiger Vater frühzeitig schwerkrank mit Krebs verabschiedet hat. Wenn ich ein Ziel nennen müsste, wäre es, diesen Planeten für mein Kind und die kommenden Generationen und Lebewesen lebenswert zu hinterlassen und nicht als giftige Mülldeponie. Ich will nicht reich sein, ich brauche keine Bewunderer oder Statussymbole wie ein großes Auto. Ich lebe für mein Ziel, diese Welt zu erhalten und an einer Zukunft, in der weder Mensch, Tier oder Natur ausgebeutet werden. Darin bin ich keineswegs perfekt, aber ich gebe mein Bestes.

Vielen Dank an Farah für dieses sehr menschliche und bewegende Interview.