Wenn die Gletscher schmelzen…

Sie werden auch das Fieberthermometer unseres Weltklimas genannt: Die Eisgletscher. In einem Artikel des Cryosphere-Journal wurde dieses Jahr nach neuesten Forschungserkenntnissen bekanntgegeben, dass die Gletscher unserer europäischen Alpen bis 2050 um 50 % zurückgehen werden – bis 2100 sollen diese aller Voraussicht nach sogar ganz verschwunden sein. Wer schon einmal die Möglichkeit hatte, den majestätischen Anblick der Alpengletscher zu geniessen, kann sich vielleicht gar nicht vorstellen, dass solch enorme Massen an Eis einfach so verschwinden können. Doch welche Hoffnung gibt es, die Gletscherschmelze noch zu stoppen? Welche Auswirkungen hat die Gletscherschmelze auf Mensch und Natur? Erfahre nachfolgend alles rund um die Gletscherschmelze. 

Als Kind einer Familie, welche zum halben Teil in der Schweiz ansässig ist, hatte ich jeden Sommer die Möglichkeit, in den Schweizer Alpen wandern zu gehen. Dazu gehörten ebenfalls Gletscherwanderungen, bei welchen man angeseilt vorsichtig den Gletscher überquert – möglichst ohne in eine Gletscherspalte zu fallen, um nicht als nächster Ötzi für die Nachwelt erhalten zu bleiben. Schon damals wurde über den Rückgang der Gletscher gesprochen. Seitdem hat der Rückgang jedoch stetig weiter zugenommen und Bemühungen, welche die Gletscherschmelze aufhalten sollen, sind dringend notwendig. 

Pessimistische Prognosen für die europäischen Gletscher

Leider haben die Forscher, welche den zuvor genannten Artikel im Cryosphere-Journal veröffentlichten, ernüchterende Prognosen: Die Gletscherschmelze in den europäischen Alpen wird trotz Bemühungen nicht mehr aufzuhalten sein, da sich Klimaveränderungen nicht umgehend positiv auf die Gletscherschmelze auswirken. Diese reagieren zu langsam, als dass sich deren Rückgang noch verhindern ließe, heißt es in dem Artikel. Rund 50 Jahre würde es dauern, bis sich die Gletscher an eine positive Klimaveränderung anpassen würden. Sollten sich unsere Bemühungen, das weltweite Klima zu verändern, bis 2050 nicht drastisch geändert haben, so ist ein kompletter Rückgang der europäischen Alpengletschers bis 2100 nicht mehr aufzuhalten. 

Die Studie im Cryosphere-Journal wurde anhand von Daten von 2017 für rund 4000 Gletscher, welche sich auf rund 100 Kubikkilometer erstrecken, erstellt. Für die Prognosen werden die eingespeisten Daten in Computermodelle umgerechnet, welche nicht nur den Schmelzprozess modellieren können, sondern auch wie sich das Eis bewegen wird. Ebenso wird berücksichtigt, wie sich die weltweiten Treibhausgasemissionen entwickeln. Anschließend wird anhand verschiedener Szenarien, alle mit unterschiedlichen Treibhausgasemissionswerten, berechnet, wie sich die Gletscherschmelze fortentwickeln wird. Selbst in einem optimistischen Szenario, in welchem sich die Treibhausgasemissionen erheblich verringern, ist ein Schmelzen der Gletscher bis auf 33 % ihres jetzigen Volumens unumgänglich. In einem pessimistischen Szenario, in welchem die Treibhausgasemissionen ungehindert zunehmen, werden alle europäischen Gletscher bis 2100 verschwunden sein. Auch wenn dies ein pessimistisches Szenario ist, derzeit lässt sich leider vermuten, dass es höchstwahrscheinlich so eintreffen wird, denn unsere weltweiten Treibhausgasemissionen liegen weit über den Werten, welche für dieses Szenario benutzt wurden. 

Auswirkungen auf Mensch und Natur

Das Abschmelzen der Gletscher kann drastische Folgen für Mensch und Natur haben: In den Alpenregionen sind viele Bauern in der Landwirtschaft auf das Schmelzwasser der Gletscher angewiesen. Ebenso wird Schmelzwasser zur Trinkwasser- und Energiegewinnung benutzt. Des Weiteren baut sich ein ganzer Sektor in der Tourismusbranche auf die Gletschern auf. Viele Wanderer lockt es in die Berge, um den Anblick der Gletscher zu geniessen. Jedoch sind Gletscher nicht nur eine wichtiger Bestandteil für die Landwirtschaft und eine Augenweide für Wanderer, sie sind ebenfalls ein äußerst wichtiger Bestandteil für das empfindliche Ökosystem vor Ort. Das Schmelzwasser versorgt alpine Pflanzen mit Wasser und bietet somit Lebensraum für viele Tiere. Wenn das Eis zwischen dem alpinen Gestein schmilzt, entsteht außerdem eine weitere Gefahr: Erdrutsche. Diese sind lebensgefährlich für Mensch und Tier, selbst ganze Ortschaften sind den Erdlawinen ausgeliefert. Auf einer weltweiten Skala kommt zusätzlich, neben der Zerstörung des Lebensraums für unzählige Tiere, die Problematik des ansteigenden Meeresspiegels hinzu.

Weltweite Auswirkungen

Die Gletscherschmelze ist nicht nur auf die europäischen Alpen beschränkt. Jedoch bestätigen uns die Untersuchungen, welche in den europäischen Alpen vorgenommen werden, was wir weltweit zu befürchten haben. In der Tat macht sich der Rückgang von Gletschern weltweit bemerkbar, nicht zuletzt aufgrund des ansteigenden Meeresspiegels. So sind schmelzende Gletscher für 25-30 % des weltweiten Anstieg des Meeresspiegels verantwortlich. Es wird geschätzt, dass von rund 19.000 Gletschern, welche weltweit mit Satelliten untersucht werden, jährlich 335 Millionen Tonnen Eis schmelzen. So konnte dokumentiert werden, dass die Gletscher von 1961 bis 2016 insgesamt knapp 9000 Milliarden Tonnen Eis verloren haben. Eine derartige Summe an Eis lässt sich wiederum in einem globalen Anstieg des Meeresspiegels um ca. 27 Millimeter umrechnen. Es wird derzeit geschätzt, dass der Meeresspiegel jedes Jahr um einen weiteren Millimeter ansteigen wird.

Fazit

Während die weltweit steigenden Treibhausgasemissionen einen starken Einfluss auf die Gletscherschmelze haben, sie sind nicht der einzige Faktor: Niederschlagsmengen, Hangneigung und Bodenbeschaffung müssen beispielsweise ebenfalls in Erwägung gezogen werden. Dennoch sieht es insgesamt für unsere weltweiten Gletscher nicht rosig aus. Für einige Gletscher wird geschätzt, dass diese 200 Jahre lang die für Gletscher als optimal angesehene Bedingungen benötigen würden, um den Rückgang der letzten Jahrzehnte wieder gutzumachen.   

Besonders alarmierende Bilder können auf GEO angesehen werden, in welchen der Fotograf James Balog den weltweiten Rückgang der Gletscher bildlich festgehalten hat.