In-Vitro-Fleisch – Eine Alternative zu herkömmlichen Schlachtfleisch?

Fleisch aus dem Labor: Es würde viele unserer derzeitigen Probleme lösen, indem weniger Massentierhaltung notwendig wäre. Massentierhaltung steht nicht nur in direkter Verbindung mit Tierleid, sondern auch mit großen Mengen an Methanausstoß, welcher sich negativ auf unser Klima auswirkt. Zudem werden große Mengen an Wasser, Energie sowie Landflächen benötigt. Wäre somit künstlich hergestelltes Fleisch eine gute Alternative? Wir sind dem “sauberen Fleisch” auf den Grund gegangen.Photo credit: David Parry/PA © Mosa Meat

In-Vitro-Fleisch als Antwort auf die weltweite Nachfrage

Der deutsche Bundesbürger isst pro Jahr ungefähr 60 kg Fleisch. Damit liegen wir im weltweiten Vergleich im mittleren Bereich. An der Spitze befinden sich die USA, Kuwait und Australien, mit jährlich jeweils über 110 kg Fleisch pro Kopf. Wenn man nun bedenkt, dass die derzeitige Weltbevölkerung bis zum Jahr 2050 um weitere 2.5 bis 3 Milliarden Menschen anwächst, d.h. ungefähr 9.5 Milliarden Menschen auf unserem Planeten leben sollen, muss man sich fragen, wie wir der damit verbundenen, steigenden Nachfrage nach Fleisch gerecht werden können. Fleischproduktion, wie sie bisher traditionell geschieht, ist nämlich ein äußerst ineffizientes Unterfangen. Wissenschaftler aus den verschiedensten Ländern möchten dieses Problem lösen, indem sie Fleisch im Labor, auch In-vitro-Fleisch genannt, herstellen. Vorreiter in diesem Gebiet sind die Niederlande und USA sowie Israel. Laut des israelischen Unternehmens Future Meat würde In-Vitro-Fleisch 80 % weniger Treibhausgasemission, 96 % weniger Wasserkonsum und 99 % weniger Bedarf an Landfläche bedeuten. Ähnliche Werte werden von dem niederländischen Unternehmen Mosa Meat genannt. 

Preislich ist In-Vitro-Fleisch bisher noch nicht marktfähig

Schmecken soll das In-Vitro-Fleisch gut, behaupten zumindest Experten. Das Fleisch marktfähig zu machen, daran arbeiten derzeit mehrere Labors weltweit. Momentan sind die Produktionskosten noch unverhältnismäßig hoch. So wurde beispielsweise bereits in 2013 ein Burger in einem Labor der Universität Maastricht hergestellt, welcher jedoch einen Wert von circa 300.000 Euro hatte. Die Kosten wurden seitdem zwar reduziert, allerdings noch nicht ausreichend. In 2018 hatte ein amerikanisches Unternehmen künstliches Hackfleisch hergestellt, welches pro Pfund, d.h. 454 Gramm, ungefähr 2100 Euro kosten würde. Dies ist noch längst kein Preis, mit welchem das In-Vitro-Fleisch mit herkömmlichem Fleisch konkurrieren könnte. Es gibt mittlerweile jedoch Unternehmen aus Amerika, welche angekündigt haben, dass sie ihr In-Vitro-Fleisch innerhalb der nächsten zwei Jahre markt- und konkurrenzfähig machen möchten. Dieses soll dann zuerst an Restaurants verkauft werden, gefolgt von der Vermarktung für Lebensmittelgeschäfte. Photo credit: David Parry/PA © Mosa Meat

Wie wird das “Saubere Fleisch” hergestellt? 

Gewonnen werden soll das “Saubere Fleisch” von tierischen Stammzellen. Diese können schmerzlos von lebenden Tieren mittels einer Biopsie entnommen werden und entwickeln sich dann in einer Nährlösung zu Muskelzellen bzw. anschließend zu Muskelfasern. Letztere unterscheiden sich optisch nicht von dem Fleisch, welches wir für gewöhnlich im Supermarkt kaufen. Der große Vorteil, den diese Methode mit sich bringt: Es wäre möglich, dass nur gewisse Teile des Tieres in einer Laborkultur gezüchtet werden, wie beispielsweise Hähnchenschenkel oder Hühnerbrust. So könnten gezielt jene Teile produziert werden, für welche eine besonders hohe Nachfrage besteht, ohne das unnötige Schlachtabfälle entstehen. Der Zeitrahmen um diese herzustellen, würde ebenfalls drastisch reduziert werden: Während es zum Beispiel rund zwei Jahre dauern kann, bis ein Rind schlachtreif ist, würde das im Labor hergestellte Rindfleisch gerade einmal vier Wochen benötigen. Ebenso würde das Schlachten der Tiere wegfallen und somit viel Tierleid erspart bleiben. Als Konsument wüsste man zudem, dass das Fleisch ohne jegliche Antibiotika oder andere besorgniserregende Chemikalien hergestellt wurde. Das Risiko einer Kontaminierung mit Krankheitserregern, wie es zum Beispiel mit der Rinderseuche der Fall war, wäre ebenfalls äußerst gering.

Große Hürden müssen noch überwunden werden

Abgesehen von finanziellen und bürokratischen Aspekten gibt es jedoch noch andere große Hürden zu überwinden: Die Fleischindustrie ist selbstverständlich nicht sonderlich über die entstehende Konkurrenz erfreut. Ebenso gilt es jene von der Alternative zu überzeugen, welche Fleisch über alles lieben oder synthetisch hergestelltem Fleisch kritisch gegenüberstehen. Die weite Akzeptanz in der Bevölkerung könnte somit einige Zeit in Anspruch nehmen. Ein weiteres Problem ist derzeit noch die Nährlösung, in welcher die Stammzellen heranwachsen müssen. Diese wird bislang noch aus Kälberserum gewonnen, welches mit viel Tierleid verbunden ist, da es nur aus dem Herzblut von getöteten Föten gewonnen werden kann. Das Kalb sowie das Muttertier sterben in diesem Prozess. Daher arbeiten Unternehmen mit Hochdruck daran, dass eine alternative Nährlösung entwickelt werden kann, welche beispielsweise auf Algen basiert. 

Fazit

Ob In-Vitro-Fleisch die eigenen Geschmacksknospen anspricht, muss jeder letztendlich selbst ausprobieren. Fakt ist jedoch, dass synthetisch hergestelltes Fleisch den weltweiten Treibhauseffekt positiv beeinflussen kann, sollten die Herstellungskosten gesenkt werden können und sollte es weite Akzeptanz in der Bevölkerung finden. Wir könnten viele kostbare Ressourcen einsparen, wie beispielsweise Wasser, Landfläche und Energie. Ebenso könnten wir das Leid der Tiere, welche wir derzeit als Schlachttiere bezeichnen und welche viel zu oft unter unwürdigen Umständen in Massentierhaltung herangezüchtet werden, drastisch reduzieren.